Ein Volk von Papierlischweizern

Von wegen nationaler Identität

Gewisse Leute durchleben derzeit eine schwere kollektive Identitätskrise. Zwei Jahrzehnte der Stimmungsmache gegen Ausländer_Innen und Fremde wecken offenbar das Bedürfnis herauszufinden, wer man eigentlich selbst ist. Das ganze nennt sich dann „Wertedebatte“. Gemeinsam mit den (Boulevard-)Medien soll herausgefunden werden, was und wer zur Schweiz gehört. Wer kann Schweizer oder Schweizerin werden? Wer ist „Eidgenoss“? Welche Abgrenzungskriterien helfen die eigene kollektive Identität zu beschreiben? Trauriger vorläufiger Höhepunkt der Debatte war das Burkaplakat beim Abstimmungskampf zur erleichterten Einbürgerung der dritten Generation und das Zitat „in 20 Jahren sind es dann Afrikaner“. Dabei ist das Beschwören einer Schweizerischen Identität nicht nur komplett aus der Zeit gefallen, sondern auch in inhaltlicher Hinsicht völlig verfehlt.

Das Bedürfnis nach einer nationalen Identität reicht zurück zu den Anfängen des Nationalstaates selbst. Was ja auch Sinn macht: Die ehemaligen Leibeigenen brauchten ein ideologisches und emotionales Gerüst um später ohne Widerrede die Kriege der Obrigkeit auszutragen. Man brauchte die Gewissheit, dass das eigene Volk, die eigene Abstammung im Zweifel mehr zählt als jenes, dem man gerade mit einer Axt den Schädel einschlägt. Die noblen Franzosen wären Napoleon, ohne diese Gewissheit, wohl nicht in seine Eroberungskriege gefolgt. Die Kolonisierung ganzer Kontinente, oder die Auswüchse des Faschismus wären ohne diese Denkweise kaum möglich gewesen. Andere Beispiele gibt es zur genüge – auch heute.

Dabei war eine nationale Identität stets – und ist es immer noch – konstruiert und folgt einer sehr naiven Vorstellung eines homogenen Volkes. Dabei war die nationale Identität auch immer Mittel zum Zweck. Entweder verlangten die Herrschenden vom Volk den heldenhaften und ruhmreichen Tod im Krieg, oder aber die klare Abgrenzung zum Fremden. Der propagierte Patriotismus war deshalb notwendig, weil die Idee des Nationalstaates eine Loyalität zu ebendiesem verlangte. Die Menschen mussten sich mit dem Nationalstaat identifizieren, ansonsten wäre er gescheitert. Dieser anfängliche Patriotismus, führte meist zu einem stark chauvinistischen Nationalismus. Chauvinismus beschreibt den Glauben, dass die eigene Gruppe einer anderen, fremden Gruppe überlegen ist. Dieser Glaube der Überlegenheit der weissen Rasse, der eigenen Fahne, der eigenen Zivilisation hat die grössten und scheusslichsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte zu verantworten.

Heute erlebt der Nationalismus eine neue Blüte. Während sich die Identifikation mit der eigenen Nation über lange Zeit auf Sportgrossereignisse beschränkte, erlebt die Idee eines eigenen, der Nation verbundenen Volkes ein Revival. In der Schweiz trägt die selbsternannte Volkspartei stark zu dieser Entwicklung bei, unter der Mithilfe der CVP. Es sind auch jene Kreise, die Schweizer in „echte“ und in sogenannte „Papierlischweizer“ einteilen. Echte Schweizer bilden quasi einen in sich geschlossenen, einer Blutlinie folgenden, Volkskörper. Sie schimpfen sich Eidgenossen und grenzen sich so auch begrifflich von (unechten) Schweizern ab.

Mit der Realität hat diese Unterscheidung, insbesondere in der Schweiz, wenig zu tun. In wohl keinem anderen Land ist die Vorstellung eines nativen Volkes, einer nationalen Identität, so weltfremd wie in der Schweiz. Die Identität der Schweiz ist gerade eine von den Wurzeln her Pluralistische – quasi eine Identität der vielen Identitäten. Die Schweiz ist ein Flickwerk verschiedener Sprachen, Kulturen und Geschichten. Dank einem tief verwurzelten Föderalismus hört die Loyalität zur eigenen Gemeinschaft meist an der Gemeindegrenze, spätestens aber an der Kantonsgrenze, auf. Hippe junge Zürcher oder Luzerner teilen kaum Aspekte einer gemeinsamen Identität mit Bergbauern im Kanton Uri – ausser eventuell einer Folklore, bestehend aus Käse, Kühen und Lampions.

Entsprechend ist die Wertedebatte eine Verlogene. Die Schweiz hat keine Leitkultur, keine nationale Identität – zumindest keine Homogene. Die Identität der Schweiz ist gerade der Umstand, dass viele Werte und Identitäten Platz haben. Die sogenannte „Willensnation“ manifestiert sich im Umstand, dass Menschen hier Platz haben und teilhaben können (sollten), wenn sie bereit sind am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Das bedeutet, dass Menschen hier arbeiten, wohnen, Kinder erziehen, hier ihre Familie haben und so Teil einer Schweizerischen Öffentlichkeit sind.

Wir Schweizer – ohne Ausnahme – sind alles Papierlischweizer. Das einzig Gemeinsame der hier lebenden Bevölkerung besteht aus einem Haufen Papier: Der Verfassung und der darauf aufbauenden Gesetze. Darauf kann man stolz sein, oder nicht. Auf jeden Fall sollte man – trotz allfälliger Identitätskrise – keine Leitkultur ausrufen. Der Ruf nach einer Leitkultur klingt meist so, als ob die Rufenden selbst froh drum wären, dass ihnen jemand sagt, wer sie sein sollen. Wer nicht weiss, wer er oder sie ist: