politische Korrektheit? fuck off! Warum wir uns geirrt haben

Es hätte so schön sein können. Die Idee war so bestechend. Wie kann man dagegen sein? Es war eine Idee der Freiheit, der Gerechtigkeit. Schliesslich beginnt jede Unterdrückung, jede Diskriminierung in der Sprache.

„politische Korrektheit“: Die Idee, dass man andere im alltäglichen Sprachgebrauch nicht ausschliesst, beleidigt oder kränkt. Dank dieser Idee haben wir uns angewöhnt von Lesern UND Leserinnen zu sprechen. Wir waren uns sicher, dass Wörter wie „Zigeuner“, „Neger“ und „Fräulein“ herablassend und verletzend wirken. Aus „Studenten“ wurden „Studierende“- für die weibliche Studentenschaft. Wer möchte andere schon vorsätzlich ausschliessen, gar verletzten? Die Überlegung war, dass aus einem respektvollen Sprachgebrauch ein respektvoller Umgang resultiert. Wer das Gegenüber in der Sprache respektvoll abbildet, kann kein schlechter Mensch sein. Ist ja kein Ding. Die Sprache ist kein in Stein gemeisseltes Wörterbuch. Die Sprache verändert sich, passt sich an, lernt dazu. Wo ist das Problem?

Das Problem ist die Ernsthaftigkeit. Diese elende, elitäre Humorlosigkeit. Dieser sehnlichste Wunsch emanzipatorische Denkprozesse von oben herab verordnen zu können. Es war ein verfickter Boomerang. Jetzt sind wir die Spiesser.

Mittlerweile gelten die Bemühungen Hillary Clintons um „politische Korrektheit“ als ein Faktor für ihre Niederlage in den US-Präsidentschaftswahlen. Trumps politische Inkorrektheit wird als „erfrischend“ und „einfach“ dargestellt. Da steht ein Mensch, der sagt was er denkt – der sagt, was viele denken. Die europäische Rechte wettert schon längst über die „politisch korrekten“ Eliten. In der Schweiz ist der Begriff der „classe politique“ ein Kampfbegriff der gleichen Konsorte. Der Begriff der „politischen Korrektheit“ wurde auf weitere Konzepte und Feindbilder ausgedehnt. Er geht einher mit „Eliten“, „die da oben“, „Gutmenschen“ oder „Akademikern“.

Die Dramaturgie ist einfach: „das Volk“ besteht aus zwei Gruppen: einem grossen „Wir“, dass eigentlich in der Mehrheit wäre, und einer kleineren, akademischen, politisch korrekten, elitären Minderheit, die dir das Maul verbietet, dich regiert, kontrolliert und bevormundet. Das Versprechen der Rechten: Wähle mich, und du darfst wieder sagen, was und wie du denkst. All die Sätze, die mit „Also, das wird man noch sagen dürfen …“ oder mit „Das muss man einfach jetzt einmal sagen …“ beginnen, sind Zeuge dieser verbreiteten Wahrnehmung. Die politische Inkorrektheit schafft Identität. Das unreflektierte Gepolter als Merkmal einer Gruppenzugehörigkeit. Schöne alte Welt.

Das Übelste daran: Diese verfluchten Rattenfänger haben dahingehend recht, als dass die „politische Korrektheit“ tatsächlich ein Klima geschaffen hat, in dem sogenannt „einfache Leute“ sich nicht mehr getrauen, ihre Meinung kundzutun. Nicht jeder Mensch scheint über die Möglichkeit zu verfügen, sich respektvoll zu artikulieren. Der Fehlschluss war, dass aus einem würdevollen Sprachgebrauch ein würdevoller Umgang hervorgeht. Wahrscheinlich ist es umgekehrt eher richtig: das Menschenbild spiegelt sich in der Sprache wieder. Nur weil Menschen nicht mehr „Fotze“ sagen, sind sie noch lange keine Feministen. Wer „schwul“ nicht mehr als Beleidigung verwendet, ist nicht sensibilisiert auf Homophobie. Wer „Behinderte“ mit „Menschen mit Behinderung“ ersetzt, ist noch lang kein Verfechter einer breiteren gesellschaftlichen Inklusion von Menschen mit Behinderungen.

Wer glaubt, die „politische Korrektheit“ hätte die Gesellschaft in irgendeiner Art gerechter gemacht, irrt gewaltig. Es scheint das Gegenteil der Fall zu sein: eine grosse Zahl von Menschen ist stolz auf ihre politische Inkorrektheit. Diese Leute wollen wieder sagen dürfen, was sie denken. Ob politisch korrekt, oder nicht. Das politisch Inkorrekte ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Man darf wieder fröhlich über Minderheiten herziehen. Wer soll es ihnen verbieten? Wenigstens weiss man jetzt wieder, woran man ist.

Doch wie begegnet man der politischen Inkorrektheit? Was tun? Hier das exklusive echtjetzt.ch Betty Bossy Rezept zum Umgang mit politischer Inkorrektheit:

1. locker bleiben & Humor bewahren

Wer bei jeder politisch inkorrekten Äusserung die Wände hochgeht, macht sich lächerlich. Wir müssen lernen, humorvoll auf Beleidigungen zu reagieren. Durchatmen, Überlegen, humorvoll zurückschlagen.

2. Auf die Äusserungen zielen, nicht auf die Menschen.

Wenn einer mal Scheisse lallt, ist er noch lange kein schlechter Mensch. Der Schluss von einzelnen Aussagen auf den Menschen ist bescheuert. Jeder sagt mal was idiotisches – noch lange kein Grund die Moralkeule zu schwingen.

3. Differenzieren

Ich komme aus Nidwalden. Bei uns gehören Fluchwörter und negative Konnotationen zum täglichen Sprachgebrauch. Alles kann zu Scheisse werden (kleiner Witz am Rande: vieles ist bereits zu Scheisse geworden). Wörter wie „huere“, „verdammt“, oder „verfluecht“ sind universell voranstellbar. Daraus resultiert bei vielen Menschen eine Ausdrucksweise, die fast immer irgendwie politisch inkorrekt bewertet werden könnte. Fuck off. Scheiss egal. Selbst Homosexuelle können sich hier über die „huere schwule Plastiksäckli“ aufregen.

4. Mit Argumenten überzeugen

Der politischen Inkorrektheit begegnet man mit Inhalten. Mit Hinweisen auf Emanzipationsprozesse und Diskriminierungsmuster. Der Kampf um Respekt findet nicht auf einer formellen, sprachlichen Ebene statt, sondern auf einer inhaltlichen.

Und wenn alles nicht funktioniert: fuck it. Einfach mal zurück kotzen.

Arschlöcher dürfen wieder Arschlöcher sein.